Presseinformation der DGKJP- Stellungnahme der DGKJP zur Suizidbeihilfe

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DGKJP-Presseinformation vom Dienstag, 18. März 2014

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie hat eine Stellungnahme erarbeitet, in der sie sich  mit der Beihilfe zur Selbsttötung auseinandersetzt. Die DGKJP wünscht sich, dass jede geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung unter Strafe gestellt wird. Nicht weitreichend genug ist es aus Sicht der DGKJP, nur die gewerbsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung zu bestrafen.

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie aufgrund der bevorstehenden gesetzlichen Regelung zur Suizidbeihilfe (§ 217 StGB)

Prof. Dr. J.M. Fegert, Dr. P. Plener für den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

Aufgrund des dem Deutschen Bundestag vorliegenden Gesetzentwurf der Bundesregierung (Drucksache 17/11126) vom 22.10.2012, nehmen wir zum „Entwurf eines Gesetzes zur Strafbarkeit der gewerbsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht Stellung. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) stimmt mit der Problem- und Zieldefinition des Entwurfes dahingehend überein, dass die eigenverantwortliche Selbsttötung ebenso wie der Versuch straflos bleiben sollten, es jedoch einer Korrektur bezüglich der kommerzialisierten Suizidbeihilfe bedarf. Die Vorlage benennt das Problem, dass von diversen Anbietern Suizidbeihilfe im Rahmen einer „entgeltlichen Dienstleistung“ gewährt werden könnte, um „eine schnelle und effiziente Möglichkeit für einen Suizid anzubieten“ (siehe Gesetzentwurf der Bundesregierung). Der Vorschlag zur Schaffung eines neuen Straftatbestandes betrifft die gewerbsmäßige Förderung der Selbsttötung, die unter Strafe gestellt werden soll, wobei nicht gewerbsmäßig handelnde Personen weiterhin von einer Strafandrohung ausgenommen werden sollen. Darüber hinaus existiert der Vorschlag, jede geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung unter Strafe zu stellen (Bundesratsdrucksache 230/06). In diesem Vorschlag wird die „geschäftsmäßige Vermittlung oder Verschaffung von Gelegenheiten zur Selbsttötung unter Strafe gestellt“ (Drucksache 230/06). Aus Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie seien hierzu die folgenden Anmerkungen gemacht:

Der Suizid stellt im Kindes- und Jugendalter (bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres) ein relativ seltenes Ereignis dar. In Deutschland verstarben laut Angaben des statistischen Bundesamtes zwischen 200 und 250 Kinder und Jugendliche pro Jahr an einem Suizid. Damit ist der Suizid die zweithäufigste Todesursache im Jugendalter in Deutschland. Demgegenüber steht jedoch eine hohe Zahl an Suizidversuchen. In einer aktuellen europäischen Vergleichsarbeit wurde eine Lebenszeitprävalenz von Suizidversuchen von 10,5% bei Jugendlichen in Europa ermittelt (Kokkevi et al. 2012). In Stichproben aus Deutschland wurde eine Lebenszeitprävalenz von Suizidversuchen zwischen 6,5% (Plener et al. 2009) und 7,9% (Brunner et al. 2007) sowie aktuell 9% (Donath et al. 2013) berichtet. Die in Relation dazu vergleichsweise geringe Zahl von durchgeführten Suiziden mag einen Hinweis darauf geben, dass vielfach zur Durchführung der Suizidversuche wenig letale Methoden im Jugendalter gewählt werden. In diesem Bereich sehen wir es als besonders besorgniserregend an, wenn Organisationen entsprechend effiziente Suizidmethoden kommerziell anbieten. Hier ist zu befürchten, dass durch diese hochletalen Methoden die Suizidhäufigkeit beeinflusst werden könnte.

Wir nehmen mit Besorgnis die Mitte Februar 2014 getroffene Entscheidung des Belgischen Parlaments bezüglich der Zulassung der aktiven Sterbehilfe für Minderjährige wahr. Es wurde hier im Gegensatz zu den Niederlanden, in denen das 12. Lebensjahr als Altersgrenze angegeben wurde sowie im Gegensatz zu Luxemburg, in dem das 16. Lebensjahr als Grenze angeben wurde, in der belgischen Bestimmung keine Altersgrenze mehr angegeben (vgl. Spielberg, 2014). Es wäre denkbar, dass im Rahmen der weiteren Entwicklung auch der professionalisierten Suizidbeihilfe Minderjähriger Vorschub geleistet werden könnte.

Besondere Brisanz erhält das Thema des Suizids auch durch die besonders hohen Raten an psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen, die einen Suizidversuch verüben. Geht man im Erwachsenenalter von Raten um die 90% aus (Cavanagh et al. 2003), so zeigt eine aktuelle Studie einer großen Datenbasis aus den USA, dass 96% der Jugendlichen mit einem Suizidversuch in der Vorgeschichte zumindest eine psychische Störung aufwiesen (Nock et al. 2013). Aufgrund von Hinweisen auf die Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren in der Behandlung von Patienten mit Suizidversuchen (vgl. Kapusta et al. 2014 sowie Brent et al. 2013) muss jede Entwicklung als kritisch betrachtet werden, die das Potential hat, einen letalen Ausgang eines Suizidversuchs bei Jugendlichen zu befördern. Wir schließen uns daher der Stellungnahme des Nationalen Suizidpräventionsprogramms vom 29.11.2012 an, in der die Besorgnis geäußert wird, dass durch ein Verbot lediglich der gewerbsmäßigen Suizidbeihilfe ein Rechtsbereich geschaffen wird, der es Anbietern professionalisierter Suizidbeihilfe erlaubt, auf Alternativen auszuweichen. Generell ist festzuhalten, dass nicht zuletzt aufgrund der hohen Rate behandelbarer psychischer Erkrankungen bei suizidalen Menschen jede aktive Beihilfe zum Suizid abzulehnen ist.

Sollte aber der vorgeschlagene Gesetzentwurf zu § 217 StGB umgesetzt werden, so sollte aus unserer Sicht nicht nur die gewerbsmäßige sondern auch die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid unter Strafandrohung gestellt werden.

Literatur:

1.    Brent DA, McMakin DL, Kennard BD, Goldstein TR, Mayes TL, Douaihy AB (2013) Protecting adoolescents from self-harm: a critical review of intervention studies. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 52: 1260-1271. 2.    Donath C, Gräßel E, Baier D, Hillemacher T (2013) The prevalence of suicidal thoughts and attempts in a representative sample of German adolescents. Vortrag am XIV. International Congress of the International Federation of Psychiatric Epidemiology: 6. Juni 2013. Leipzig. 3.    Kapusta ND, Fegert JM, Haring C, Plener PL (2014) Psychotherapeutische Interventionen bei suizidalen Jugendlichen. Psychotherapeut 59: 16-23. 4.    Kokkevi A, Rotsika V, Arapaki A, Richardson C (2012) Adolescents´ self-reported suicide attempts, self-harm thoughts and their correlates across 17 European countries. J Child Psychol Psychiatry 43: 391-389. 5.    Nock MK, Greif Green J, Hwang I, McLaughlin KA, Samson NA, Zaslavsky AM, Kessler RC (2013) Prevalence, Correlates, and Treatment of Lifetime Suicidal Behavior Among Adolescents. JAMA Psychiatry 70: 300-310. 6.    Plener PL, Libal G, Keller F, Fegert JM, Muehlenkamp JJ (2009) An international comparison of adolescent non-suicidal self-injury (NSSI) and suicide attempts: Germany and the USA. Psychol Med 39: 1549-1558. 7.    Spielberg P (2014): Aktive Sterbehilfe in Belgien: Ausweitung auf Minderjährige beschlossen. Deutsches Ärzteblatt 111: A292 – A293

Link zur Stellungnahme der DGKJP : Stellungnahme der DGKJP zur Suizidbeihilfe

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Pressekontakt:
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie,
Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP)
Katharina Wiebels Ass. iur.
Reinhardtstraße 27B
10117 Berlin-Mitte

Tel.: 030 /28 09 43 85
Fax: 030 /27 58 15 38
 
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