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„Gewalt in Kinder- und Jugendpsychiatrien: Geschlagen, missbraucht – Hölle Kinderpsychiatrie“

Erklärung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie zu den WDR Beiträgen über die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg sowie die Klinik am Hesterberg in Schleswig in der Nachkriegszeit

(Prof. Dr. J. M. Fegert)

Erklärung

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, des einzigen Fachverbandes, der zum Zeitpunkt der in Frage stehenden Taten in Deutschland bestand, hat aus Anlass des WDR Beitrags "Gewalt in Kinder und Jugendpsychiatrien: Geschlagen, missbraucht- Hölle Kinderpsychiatrie" folgende Erklärung abgegeben:

Wir begrüßen, dass durch den Beitrag des WDR-Teams eine öffentliche Diskussion um die Bedürfnisse stationär behandelter psychisch kranker Kinder und Jugendlicher gefördert wird.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie entschuldigt sich bei den Betroffenen für das Leid, welches ihnen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie damals angetan wurde. Wir bekennen uns zu unserer heutigen Verantwortung dafür zu sorgen, dass sich solches Leid in unseren Einrichtungen nicht wiederholen kann.

Deshalb fordern wir

1. Eine Gleichstellung der damals Betroffenen aus Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit anderen Betroffenen aus Heimen und pädagogischen Einrichtungen wie es im Beitrag gefordert wurde.

2. Eine historische Aufarbeitung, welche nicht allein von Fachgesellschaften oder einzelnen Einrichtungen geleistet werden kann. Unseren Beitrag zur historischen Aufarbeitung werden wir erbringen.

3. Kinderrechte stärken, Beschwerdesysteme ausbauen. Unterstützung von präventiven Maßnahmen, von Information, Transparenz und Partizipation, auch für Kinder und Jugendliche als Patientinnen und Patienten im Gesundheitswesen

4. Die Überprüfung der Regelungen zu Zwangsmaßnahmen an Kindern und Jugendlichen. Hier sind Bundes- und Ländergesetzgeber aufgerufen Klarheit zu schaffen. Dies betrifft Länderunterbringungsgesetze bzw. Psych-KGs (die derzeit vor allem mit Blick auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Erwachsenen überarbeitet werden). Die zivilrechtliche Genehmigung der Unterbringung nach § 1631 b BGB (die durch jüngste höchstrichterliche Entscheidungen in Bezug auf das Primat der elterlichen Entscheidung z.B. bei Fixierung in die Diskussion geraten ist) und die Inobhutnahme gegen den Willen von Kindern und Jugendlichen nach § 42 SGB VIII.

5. Eine menschenwürdige Personalausstattung, gerade in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die die Einhaltungen der Vorgaben aus der UN-Kinderrechtskonvention und UN-Behindertenrechtskonvention erst möglich macht: Kein Wegfall der veralteten Psychiatriepersonalverordnung bevor nicht eine neue, zeitgemäße Verordnung zur Strukturqualität in Einrichtungen vom Gesetzgeber beschlossen ist, sonst droht ein Rückfall in die „Verwahrpsychiatrie“.

6. Eine Psychiatriereform, die wichtige sektorenübergreifende Behandlungsformen wie Home Treatment, Intervallbehandlung etc. möglich macht und vorantreibt und den Anteil der Krankenhausbehandlungen reduziert. Kinder- und Jugendpsychiatrie ist heute völlig anders als damals, deshalb keine Angst vor Behandlungsinanspruchnahme heute schüren!

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie wird sich auf seiner bevorstehenden Klausurtagung am 23./24.06.2014 intensiv mit dem ganzen Themenkomplex befassen. Er wird die Lehrstuhlinhaber in der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie zu einem Fachvertretertreffen am 30.06.2014 in Berlin ausführlich informieren und zu diesem Zeitpunkt auch bekannt geben, welches Forscherteam das bereits zu Anfang des Jahres ausgeschriebene Projekt der historischen Aufarbeitung übernehmen wird.

Falls Betroffene ein Gespräch mit dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie wünschen, werden wir uns zeitnah, z.B. im Rahmen der Klausurtagung, um einen Gesprächstermin bemühen, um die Forderungen der damaligen Patienten für unsere heutige Arbeit aufzunehmen und sie in ihren Anliegen zu unterstützen.

Im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie beschlossen am 10.04.2014

 

Erläuterungen zu der Erklärung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie vom 10.04.2014

Das Thema beschäftigt den Vorstand der DGKJP bereits sehr lange. Mitglieder des derzeitigen und des früheren Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, waren 2010 als Experten am Runden Tisch Sexueller Missbrauch vertreten und der derzeitige Präsident hat in allen drei Unterarbeitsgruppen des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch intensiv mitgearbeitet.
Als Leiter der Begleitforschung der Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten veröffentlichte er, neben den offiziellen Berichten und zahlreichen Fachartikeln, zusammen mit seinem Forschungsteam auch einen ausführlichen Band „Sexueller Kindesmissbrauch - Zeugnisse, Botschaften, Konsequenzen“ (Fegert et al. 2013 bei Beltz Juventa), in denen die Ergebnisse der Begleitforschung für die Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs (Frau Dr. Christine Bergmann), nicht nur auf Basis der Zahlen, sondern sehr detailliert durch ausführliche Zitate der Betroffenen dargestellt werden. In diesem Buch (S. 212 ff.) befindet sich ein Kapitel zum medizinisch-therapeutischen Kontext und im abschließenden Beitrag wird unter der Überschrift „Kindern wird nicht geglaubt – Institutionen haben ihre eigenen Regeln und Gesetze“ (S. 275 ff.) darauf hingewiesen, dass die Kinder und Jugendlichen, die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Einrichtungen im Jugendalter oft auch von der Außenwelt „vergessene“ Personen sind. Rund um die Jahrtausendwende, nach der Begutachtung eines Falls von sexuellen Übergriffen durch einen Chefarzt in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, initiierte ich mit Unterstützung der damaligen Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Christine Bergmann, eine Reihe von Hearings zur Problematik des Missbrauchs in Institutionen (veröffentlicht im Werkbuch Fegert/ Wolff 2002), die die damalige Einführung des §72a KJHG, mit spezifischen Anforderungen an Betreuungspersonal zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, begleiteten.

1. Eine Gleichstellung der damals Betroffenen aus Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit anderen Betroffenen aus Heimen und pädagogischen Einrichtungen wie es im Beitrag gefordert wurde

Wir als heutige Verantwortungsträger im Fach Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie nehmen die persönlichen Berichte der Betroffenen sehr ernst. Sie sind uns Ansporn, die heutigen Standards weiter zu entwickeln und auch zu verteidigen.
Der Vorstand unterstützt uneingeschränkt Forderungen von Betroffenen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie nach einer Gleichbehandlung und Gleichstellung mit Betroffenen aus dem Heimbereich. Die Runden Tische Heimerziehung und Sexueller Missbrauch haben für den angesprochenen Zeitraum (Nachkriegsjahre bis frühe 70er Jahre der Bundesrepublik) die rechtlose Situation der damals betroffenen Kinder und Jugendlichen analysiert und Empfehlungen für einen Hilfefonds abgegeben. Diese bislang vom Staat ergriffenen Maßnahmen sind aus Sicht vieler Expertinnen und Experten, und besonders aus Sicht der Betroffenenverbände, unzureichend. So ist z.B. die Beteiligung der Bundesländer beim Hilfefonds nach wie vor ungeklärt. Auch die Zuständigkeiten der einzelnen Institutionen konnten nicht abschließend geklärt werden. Im Wissen um die Unzulänglichkeit dieser „Gesten“ der Anerkennung geschehenen Leids ist es uns als Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie wichtig, die Forderungen der in Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie Betroffenen auf Berücksichtigung und Gleichstellung mit anderen Opfern zu unterstützen.

2. Eine historische Aufarbeitung, welche nicht allein von Fachgesellschaften oder einzelnen Einrichtungen geleistet werden kann. Unseren Beitrag zur historischen Aufarbeitung werden wir erbringen.

Wir fördern die historische Aufarbeitung unseres Faches. Der derzeitige Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie hat als eines seiner ersten Projekte, ein Projekt zur historischen Aufarbeitung der Gründungsgeschichte der Fachgesellschaft und der damit verbundenen Vorgeschichte in der Nachkriegszeit, vor der Psychiatrie-Enquête in Deutschland und der damit verbundenen großen Psychiatriereform, beschlossen und dafür Mittel bereit gestellt. Dieses Projekt wurde den Lehrstuhlinhabern und Fachvertretern auch am 20./21.Januar 2014 in Heidelberg vorgestellt und fand dort einhellige Unterstützung. Es wurde am 12. Februar 2014 öffentlich für unabhängige medizinhistorische Forschergruppen ausgeschrieben.
Derzeit bereiten externe Fachgutachter (nicht Kinder- und Jugendpsychiater sondern Medizinhistoriker) einen Auswahlvorschlag vor. Die Aufarbeitung dieser Vorgeschichte, inklusive der von den Nationalsozialisten in Wien, 1940 initiierten und inszenierten Fachgründung durch die überlappende Zusammenlegung einer kinderheilkundlichen und heilpädagogischen Tagung, ist uns wichtig, auch um die rechtlose Situation der Patientinnen und Patienten in pädagogischen und kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen im Nachkriegsdeutschland besser zu verstehen und für heute daraus eindeutige Lehren zu ziehen.
Darüber hinaus hat der Vorstand den Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zu Fragen des sexuellen Missbrauchs, Herrn Rörig, nachhaltig in seinem Anliegen unterstützt, eine breitere historische Aufarbeitung des Missbrauchs in Institutionen, z.B. im Rahmen einer im Bundestag eingesetzten Expertenkommission, anzustreben.

Bereits im Jahr 2013 hat der Vorstand der DGKJP die gemeinsame Geschichtskommission der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachverbände damit beauftragt, sich mit der Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Nachkriegszeit bis zur Psychiatrie-Enquête zu beschäftigen und die weitere Vorgehensweise abzuklären.

Im derzeitigen DGKJP-Vorstand ist eine der vier zitierten Klinikleitungen vertreten, die frühere Übergriffe auf Patientinnen und Patienten recherchiert und auf Anfrage des WDR hin angegeben hat (siehe Anlage).

3. Kinderrechte stärken, Beschwerdesysteme ausbauen. Unterstützung von präventiven Maßnahmen, von Information, Transparenz und Partizipation, auch für Kinder und Jugendliche als Patientinnen und Patienten im Gesundheitswesen

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie hat bereits 1999, unter Vorsitz von Frau Prof. Lehmkuhl (Berlin), eine Ethikkommission eingerichtet und für die drei kinder- und Jugendpsychiatrischen Fachverbände ein Ombudsleutesystem aufgebaut, um niederschwellig Klärungs- und Beschwerdemöglichkeiten vorzuhalten (http://dgkjp.de/dgkjp/ombudsleute). Der heutige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie hat nach den Beratungen am Runden Tisch das BMG aufgefordert die Beschlüsse der Arbeitsgruppe I des Runden Tisches zu Teilhabe, Beschwerdemöglichkeiten und Risikoanalyse in Institutionen, auch im Gesundheitsbereich entsprechend umzusetzen (Schreiben vom 13.03.2012).
Der Gesetzgeber hat im Rahmen des Bundeskinderschutzgesetzes auch eine Beratungsnorm für Berufsgeheimnisträger nach § 4 KKG und einen Beratungsanspruch für Institutionsleiter und Träger nach § 8b Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) eingeführt. Wir begrüßen diese Entwicklungen, sehen aber die Umsetzung in der Praxis derzeit als völlig unzureichend an. Dies wird auch durch das regelmäßige Monitoring des Unabhängigen Beauftragten, Herrn Rörig (http://beauftragter-missbrauch.de) unterstrichen. Wir fordern deshalb auch im Gesundheitswesen nachhaltige Anstrengungen zur Verbesserung der spezifischen Patientenrechte von Kindern und Jugendlichen in Institutionen, in Übereinstimmung mit der UN-Kinderrechtskonvention und der UN-Behindertenrechtskonvention. Zentral sind hier Informations- und Partizipationsrechte sowie Beschwerdewege. Informationen müssen für Kinder kindgemäß zugänglich gemacht werden und auch Beschwerdewege müssen kindgemäß ausgestaltet werden (vgl. Broschüre „Was ist denn schon normal?“ http://www.uniklinik-ulm.de/fileadmin/Kliniken/Kinder_Jugendpsychiatrie/Dokumente/WebversionWIDSN.pdf, Rothärmel et al. 2006, Fegert JM 2007).

4. Die Überprüfung der Regelungen zu Zwangsmaßnahmen an Kindern und Jugendlichen. Hier sind Bundes- und Ländergesetzgeber aufgerufen Klarheit zu schaffen. Dies betrifft Länderunterbringungsgesetze bzw. Psych-KGs (die derzeit vor allem mit Blick auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Erwachsenen überarbeitet werden). Die zivilrechtliche Genehmigung der Unterbringung nach § 1631 b BGB (die durch jüngste höchst richterliche Entscheidungen in Bezug auf das Primat der elterlichen Entscheidung z.B. bei Fixierung in die Diskussion geraten ist) und die Inobhutnahme gegen den Willen von Kindern und Jugendlichen nach § 42 KJHG.

Zu unseren Standards gehört, dass deeskalierende, personalintensive Maßnahmen Vorrang vor der Anwendung Zwangsmaßnahmen haben. Angesichts der hohen Notfallzahlen, aufgrund von Situationen der massiven Selbst- und Fremdgefährdungen, lässt sich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Behandlung mit Zwang aber nicht durchgängig vermeiden. Zwangsmaßnahmen bedürfen aber einer besonderen Transparenz, Reflexion und Kontrolle. Erziehungsmaßnahmen dürfen nie entwürdigend sein oder einen Bestrafungscharakter haben (wie die eiskalte Badewanne im Film oder erwähnte andere Maßnahmen wie Fixierung und Psychopharmakagabe zur kompletten „Ruhigstellung“ für drei Tage).
Mit Sorge sehen wir deshalb die aktuelle Rechtsprechung des BGH in Zivilsachen zu §1631b BGB (vgl. Salgo FamRZ für eine ausführliche Besprechung Salgo 2013). Hier wird im Gegensatz zum Erwachsenenbereich, wo sich eine immer stärkere Kontrolle von Zwangsmaßnahmen durch die Gerichte durchgesetzt hat, für den Bereich der Zwangsmaßnahmen bei Kindern und Jugendlichen, dem Elternrecht eine ganz besondere Bedeutung beigemessen. Da Elternrechte „Naturrechte“ seien und im Gegensatz zu Rechten von Vormündern nicht von einem staatlichen Auftrag abgeleitet werden, sondern Eltern in Artikel 6 Grundgesetz verfassungsrechtlich garantiert sind, sei die Einwilligung der personensorgeberechtigten Eltern hinreichend, um z.B. Zwangsmaßnahmen wie eine nächtliche Dauerfixierung zu genehmigen. Nur die aus unserer Sicht teilweise niederschwelligeren Eingriffe durch die Behandlung auf einer geschlossenen Station bedürfen einer gerichtlichen Genehmigung nach §1631b BGB. Wir denken, dass gerade das vom WDR aufgegriffene historische Beispiel zeigt, dass der Gesetzgeber nun hier aufgerufen ist, nachdem höchst richterliche Rechtsprechung verstärkte transparente Kontrollen von Zwangsmaßnahmen durch Gerichte abgelehnt hat. 

5. Eine menschenwürdige Personalausstattung, gerade in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die die Einhaltungen der Vorgaben aus der UN-Kinderrechtskonvention und UN-Behindertenrechtskonvention erst möglich macht: Kein Wegfall der veralteten Psychiatriepersonalverordnung bevor nicht eine neue, zeitgemäße Verordnung zur Strukturqualität in Einrichtungen vom Gesetzgeber beschlossen ist, sonst droht ein Rückfall in die „Verwahrpsychiatrie“

Wie in den Beiträgen aufgezeigt besteht ein klarer Zusammenhang zwischen struktureller Gewalt und schlechten Betreuungsschlüsseln. Wir sind dem WDR deshalb dankbar, dass er in der aktuellen Debatte auch noch einmal betont hat, wohin unkontrolliertes Verwahren um jeden Preis führt. Bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss am 7. Mai 2014 wird die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie deutlich machen, dass die große Koalition eine Fortführung ihrer Entgeltreform nur dann verantwortungsvoll betreiben kann, wenn diese essentiellen Garantien für Beziehungsqualität und Betreuungsqualität auch vor dem Hintergrund des neuen Psychiatrieentgeltsystems erhalten bleiben. Der Vorstand unterstützt unter anderem die Forderung der Aktion Psychisch Kranke e.V. in Bezug auf ein Moratorium bei der Reform, welches auch schon von Minister Gröhe angekündigt wurde und unterstützt die Forderung nach einer sachlichen Beratung durch eine Expertenkommission.

Zentral für die heutigen Behandlungsstandards war die Einführung der Psychiatriepersonalverordnung (Psych-PV) mit spezifischen Personalschlüsseln und damit einer Strukturqualitätsgarantie für die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Im Vergleich zu den erwachsenenpsychiatrischen Bereichen hat der Verordnungsgeber im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wegen des erzieherischen Auftrags (vgl. UN-Kinderrechtskonvention) und des medizinischen Behandlungsauftrags, auch gemischte Teams eines Pflege- und Erziehungsdienstes mit der relativ höchsten Personalausstattung vorgesehen.
Uns beunruhigt deshalb die in der letzten Legislaturperiode vom BMG forcierte „Reform“ des Entgeltsystems, nicht primär wegen neuer Abrechnungsmodalitäten, sondern weil im Rahmen dieser Entgeltreform auch diese bewährten Personalgarantien ersatzlos wegfallen sollen. Zwar soll der gemeinsame Bundesausschuss, als höchstes Organ der Selbstverwaltung, Vorschläge für die Strukturqualität erarbeiten, aber es ist nicht absehbar, ob er sich auf solche Vorschläge überhaupt einigen kann und ob solche Vorschläge dann bindend sind. Gerade angesichts der berührenden Schicksale aus einer Zeit der „Verwahrpsychiatrie“ ist es uns deshalb wichtig, uns als Fachgesellschaft dafür einzusetzen, dass diese segensreiche Psychiatriepersonalverordnung, die mittlerweile allerdings völlig veraltet ist, und die Entwicklungen der letzten 20 Jahre mit der Behandlungsverdichtung, stärkeren Psychotherapie etc. nicht hinreichend aufgreift, erst wegfallen darf, wenn ein anderes, die Beziehungs- und Betreuungsqualität sicherndes, verbindliches Regelsystem durch eine Strukturqualitätsverordnung geschaffen wurde.

Wir sehen es als einen wichtigen Auftrag an, heute dafür zu sorgen, dass die Errungenschaften der Psychiatriereform zum Wohle der betreuten Kinder und Jugendlichen und ihren Eltern, nicht durch eine kurzsichtige Entgeltumstellung gefährdet werden.

6. Nötig ist eine Psychiatriereform, die wichtige sektorenübergreifende Behandlungsformen wie Home Treatment, Intervallbehandlung etc. möglich macht und vorantreibt und den Anteil der Krankenhausbehandlungen reduziert. Kinder- und Jugendpsychiatrie ist heute völlig anders als damals, deshalb keine Angst vor Behandlungsinanspruchnahme heute schüren!

Es ist uns wichtig, dass durch aufrüttelnde Titel wie „Hölle Kinderpsychiatrie“ nicht heutige Patientinnen und Patienten und ihre Eltern verunsichert oder gar abgeschreckt werden. Die Stiftung „Achtung! Kinderseele“ der drei kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaften (www.achtung-kinderseele.org) weist seit Jahren darauf hin, dass eine größere Sensitivität und Achtsamkeit in Bezug auf seelische Belastungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland unbedingt erforderlich ist und dass noch heute Ängste vor den Institutionen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und klare Vorurteile etc. zu einer viel zu späten Inanspruchnahme von Hilfen führen.
Die WDR Beiträge haben zu Recht auf die unerhört niedrigen damaligen Personalschlüssel und mehrjährige Liegezeiten verwiesen, so dass deutlich wurde, dass es damals offensichtlich, wenigstens in einem Teil der Einrichtungen, mehr um das Wegsperren und Verwahren, als um Krankenbehandlung im eigentlichen Sinne ging.
Heute werden die meisten kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungsangebote durch niedergelassene Kolleginnen und Kollegen und durch Institutsambulanzen ambulant angeboten. Die teilstationäre oder gar stationäre Aufnahme betrifft nur einen weitaus kleineren Teil der Patienten. Die Liegezeiten sind kurz, Indikationsstellungen erfolgen nach den geltenden diagnostischen Systemen und neben der Heilpädagogik hat die Psychotherapie einen zentralen Anteil an der kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung eingenommen.
Im Gegensatz zu landläufigen Vorstellungen werden die meisten Psychopharmaka an Kinder und Jugendliche nicht von Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie verordnet, sondern von Allgemeinärzten und Kinderärzten. Der Einsatz der Psychopharmakotherapie durch den Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie erfolgt indiziert und nach fachlichen Leitlinien, für die sich die drei kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaften seit Jahren, im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften, engagieren (eine Liste der aktualisierten Leitlinien findet sich auf unserer Homepage unter www.dgkjp.de/publikationen/leitlinien).

Im Gesetzgebungsverfahren zur Psychiatrieentgeltsystem sind moderne Behandlungsformen, die sich vielfach in klinischen Studien in der Bundesrepublik als erfolgreich erwiesen haben, wie z.B. Hometreatment, vom Gesetzgeber nicht eingeführt worden. Bei nicht wenigen Indikationen wäre nämlich auch eine aufsuchende Behandlung durch interdisziplinäre Teams im häuslichen Milieu möglich und so könnte dann eine Trennung von der Familie vermieden werden. Wir haben darauf hingewiesen, dass die gesetzlichen Bestimmungen für Modellprojekte so gestaltet sind, dass sie für Kinder und Jugendliche keinerlei Wirkung entfalten werden. Der Gesetzgeber hat damals darauf reagiert und hat gefordert, dass in jedem Bundesland ein entsprechendes Modell entstehen soll unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Außer in Sachsen, wo die AOK in der entsprechenden Region als Krankenkasse fast eine Monopolanbieterposition hat, ist kein einziges Versorgungsmodell in der Kinder- und Jugendpsychiatrie entstanden.

Wir hoffen, dass heutige, besorgte Eltern und potentielle Patientinnen und Patienten nicht durch diese Beiträge in ihren Ängsten vor einer Inanspruchnahme abgeschreckt werden. Uns ist es deshalb wichtig zu betonen, dass der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie erst nach der in Frage stehenden Zeit eingeführt wurde und eine Gründungswelle von Kinder- und Jugendpsychiatrien nach der Psychiatrie-Enquête in Deutschland in den 70er und 80er Jahren stattgefunden hat.

Literatur:

Fegert JM 2007, "Prävention von Missbrauch in Institutionen durch Abschreckung vs. Prävention durch Empowerment", Kind Jugend Gesellschaft, vol. 52, no. 4, pp. 99-103.

Rothärmel, S., Dippold, I., Wiethoff, K., Wolfslast, G. & Fegert JM 2006, Patientenaufklärung, Informationsbedürfnis und Informationspraxis in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Eine interdisziplinäre Untersuchung zu Partizipationsrechten minderjähriger Patienten unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen.

Salgo, L. 2013, "§ 1631b BGB: Fixierung mdj. Kinder ist keine Unterbringung", FamRZ, , no. 21, pp. 1719-1720.

 

Erklärung der DGKJP zur WDR-Reportage: DGKJP-Stellungnahme zur WDR-Reportage 

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