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Positionspapier zur Reform der Psychotherapeutenausbildung

erarbeitet durch die Gemeinsame Kommission Psychotherapie

"Erste Zusammenfassung und Kommentierung zur Reform der Ausbildung für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten"

Autorin: C. Schaff

I. Das bisherige Psychotherapeutengesetz

Durch das Psychotherapeutengesetz (PsychThG) wurden ab 1999 die neuen Heilberufe des „Psychologischen Psychotherapeuten“ und des „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten“ geregelt. Damit wurde die gesetzliche Regelung für eine eigenverantwortliche Tätigkeit der Angehörigen dieser Berufe geschaffen. Laut Begründung zum Text des PsychThG (Begründung zum PsychThG II.1.) wurde die Berufsbezeichnung „Psychologischer Psychotherapeut“ bzw. „Psychologische Psychotherapeutin“ aus folgenden Gründen gewählt:


„weil die Bezeichnung „Psychotherapeut“ den Inhalt der Berufstätigkeit und dessen heilberuflichen Charakter zum Ausdruck bringt. Die Hinzufügung der Bezeichnung „Psychologisch“ soll auf die Vorbildung der Berufsangehörigen hinweisen und diese im Interesse der notwendigen Information der Patienten von psychotherapeutisch tätigen Ärztinnen und Ärzten  unterscheiden. Bei den Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten kann die herkömmliche Bezeichnung übernommen werden, da sie sich seit längerem als eigenständige Berufsbezeichnung für einen verhältnismäßig klar abgegrenzten Personenkreis eingebürgert hat“. (Begründung zum PsychThG II.5.)

Den neuen Berufen wurde neben Ärzten und Heilpraktikern eine „eigenverantwortliche Ausübung von Heilkunde – allerdings beschränkt auf Tätigkeiten im Bereich der Psychotherapie – gestattet“ (Begründung zum PsychThG II.8).
Im Gesetz wurde definiert, was Ausübung von Psychotherapie im Sinne des Gesetzes ist und festgestellt, dass die angewandten Verfahren wissenschaftlich anerkannt sein müssen. Es wurde ferner festgelegt, dass an die Ausbildung für die neuen Heilberufe hohe Anforderungen zu stellen sind (Begründung zum Psych ThG II.11). „Den Beruf des Psychologischen Psychotherapeuten sollen deshalb nur Diplompsychologen mit einem Universitäts- oder diesem gleichstehenden Abschluss ergreifen können. Bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten soll auch der erfolgreiche Abschluss des Studiengangs der Pädagogik und Sozialpädagogik den Zugang zur Ausbildung ermöglichen, weil die Ausbildung in diesen Studiengängen in besonderem Maße zum Umgang mit psychisch gestörten Kindern und Jugendlichen befähigt.“

Leider fehlt im PsychThG ein Bezug zur europäischen Hochschulreform, dem sog. Bologna–Prozess, der kurze Zeit später, Mitte 1999, von 30 europäischen Staaten mit der Bologna-Erklärung unterschrieben wurde. Damit wurde eine Weiterentwicklung der nationalen Hochschulsysteme in Europa mit Schaffung vergleichbarer Studienstrukturen und Abschlüssen mit Bachelor und Master geschaffen. Diese Entwicklung hat zu einer Vielzahl von Studiengängen geführt, die nur schwer vergleichbar und nicht immer gleichwertig sind.
Daher hat die  83. Gesundheitsministerkonferenz (GMK) vom 1.7.2010 das BMG gebeten die Zulassungsvoraussetzungen im § 5 Abs. 2 PsychThG mit dem Ziel neu zu regeln, dass für beide Ausbildungen entweder ein Diplom-Abschluss an einer Universität oder einer gleichgestellten Hochschule oder ein Masterabschluss Zulassungsvoraussetzung wird.  Auch das 2009 von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Forschungsgutachten hat eine schnelle Anpassung und Vereinheitlichung der Zugangsvoraussetzungen der im PsychThG definierten Eingangsqualifikationen mit Mindeststandards gefordert. Aktuell sieht der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD vom 24.11.2013, (Deutschlands Zukunft gestalten, S.58) die Überarbeitung des Psychotherapeutengesetzes samt Zulassungsvoraussetzungen zur Ausbildung vor.

Ungelöst blieb in der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten nach PsychThG der rechtliche Status und die Finanzierung der Tätigkeit der Ausbildungsteilnehmer (sog. PIPler) im Rahmen ihrer praktischen Tätigkeit an psychiatrischen/ kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen. Da die praktische Tätigkeit im Rahmen der Ausbildung stattfindet, also bevor die Studierenden eine Approbation haben, handelt es sich um ein Praktikum. Die PIPler können nicht für selbstständige Tätigkeiten eingesetzt werden, sollen aber andererseits klinische Tätigkeit und praktische Erfahrung in dieser Zeit lernen. Im Konstrukt der bisherigen Ausbildungsvorgaben hat sich für dieses Problem keine sinnvolle Lösung ergeben.

II. Aktuelle Diskussion zu einer Reform der Ausbildung

Vor diesem Hintergrund der veränderten Rahmenbedingungen seit Einführung des PsychThG Anfang 1999 ist die seit mehreren Jahren geführte Diskussion um eine Reform der Psychotherapeutenausbildung zu sehen. Es wurden unterschiedliche Modelle der Veränderung des PsychThG von sog. kleinen Lösungen bis zu verschiedenen Formen von sog. Direktausbildungen zu einem neuen Beruf eines „Psychotherapeuten“ diskutiert, die zum Teil schon in einzelnen Modellvorhaben praktiziert werden.
 Aktuell ist die Diskussion um eine Reform der Ausbildung für Psychologische Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) in eine neue Phase eingetreten, da der 25. Deutsche Psychotherapeutentag in München am 14. und 15.11. 2014 die Eckpunkte zu einer Reform der „Psychotherapeutenausbildung“ beschlossen hat. Mit dem 2/3-Votum der Delegierten des Psychotherapeutentages, das nicht von allen maßgeblichen Verbänden für PP begrüßt wird, hat die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) die Legitimation ihrer Basis erhalten, Verhandlungen im BMG und in der Politik zur Reform der  Ausbildung zu beginnen. Eine erste Anhörung von Vertretern psychologischer Verbände hat bereits Anfang Februar stattgefunden.
Im Beschluss (siehe Anlage 1) wird die notwendige umfassende Reform des Psychotherapeutengesetzes für die „Weiterentwicklung von zukunftsfähigen Versorgungsstrukturen“ gefordert.
Es soll eine „zweiphasige“, d.h. einerseits wissenschaftliche, andererseits berufspraktische Qualifizierung durch Erwerb professioneller Kompetenzen für die Berufsausübung im ambulanten und stationären Bereich und in Institutionen der komplementären Versorgung angestrebt werden. (siehe Veröffentlichung der BPtK zum Beschluss des Psychotherapeutentages in der Anlage). Das Berufsbild (Anlage 2) des neuen Berufes „Psychotherapeut“ in verschiedenen Tätigkeitsfeldern und das Kompetenzprofil (Anlage 3) für die Tätigkeit von Psychotherapeuten ist schon im Vorfeld des Psychotherapeutentages verfahrensübergreifend beschrieben worden.  

III. Basale Direktausbildung

Die folgenden Überlegungen stützen sich auf den Wortlaut des Beschlusses und die mit dem Bericht vom Psychotherapeutentag veröffentlichen Entwürfe zum Berufsbild und Kompetenzprofil des gewünschten zukünftigen Berufs des „Psychotherapeuten“ (siehe Anlagen). Die jetzt geplante Reform sieht als erste Qualifizierungsphase ein Direktstudium zum „Psychotherapeuten“ mit einem Studium der Psychotherapie an Universitäten, vermutlich mit einem Abschluss auf Masterniveau vor. Nach diesem Studium soll die Approbation erteilt werden. In einem zweiten Schritt der Weiterbildung soll dann die Differen-zierung zwischen Erwachsenen- und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und die Schwerpunktsetzung in einem wissenschaftlich anerkannten Verfahren erfolgen.

a. Erste Qualifizierungsphase im  Direktstudium

In dem wissenschaftlichen Hochschulstudium der Psychotherapie soll die Qualifizierung auf allen Altersstufen (Kinder, Jugendliche und Erwachsene) und über alle vier Grundausrichtungen der Psychotherapie (verhaltenstherapeutisch, psychodynamisch, systemisch, humanistisch) „mit Strukturqualität“ (siehe Beschluss des Psychotherapeutentages) vermittelt werden. Eine Qualifizierung auf Masterniveau soll damit unbedingt erreicht werden. Schon seit Jahren wurde von verschiedenen Verbänden als sog. kleine Lösung einer Änderung des PsychThG eine isolierte Anhebung der Zugangsvoraussetzungen zu den Ausbildungen als Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten auf  Masterniveau gefordert. Auch unmittelbar vor dem Psychotherapeutentag war noch eine Unterschriftenaktion erfolgt, welche zu einem Votum für diese sog. kleine Lösung der Reform des PsychThG aufgerufen hat, bei der nur die Zugangsvoraussetzungen neu geregelt werden sollen.
Allerdings gibt es dazu eine Stellungnahme des BMG, dass eine alleinige An-hebung der Zugangsvoraussetzungen, z.B. für die Ausbildung zum KJP, die Berufsfreiheit zu sehr einschränken  und damit gegen Artikel 12 des Grundgesetzes verstoßen würde.
Studierende mit einem Bachelor als Abschluss konnten in den letzten Jahren von den Landesbehörden auch deshalb nur schwer abgelehnt werden, weil sich der Hochschulausschuss der Kultusministerkonferenz für den Bachelor als Zugangsvoraussetzung für KJP und evtl. sogar PP ausgesprochen hat. Inzwischen akzeptieren bundesweit mindestens 10 von 16 Bundesländern den Abschluss mit einem Bachelor als Zugang zur KJP-Ausbildung. Eine Festschreibung des Bachelors als Zugangsvoraussetzung für KJP mit der Folge einer schlechteren Qualifikation der KJP als der PP wäre aber für die beiden bisher bestehenden Berufe gefährlich („Bachelorisierung“ des Berufs des Psychotherapeuten“), da mit sinkender Qualifikation die durch das PsychThG erreichte eigenverantwortlicher Tätigkeit gefährdet wäre.

Der Psychotherapeutentag hat sich nun in seinem Beschluss dafür ausgesprochen in einem ersten Schritt als Sofortlösung den Zugang zur postgradualen Psychotherapieausbildung nur mit Diplom oder Master zu fordern!

KOMMENTAR

Die Forderung des Psychotherapeutentages zur sofortigen bundesweiten Festlegung für einen Masterabschluss als Zugangsvoraussetzung zum Beruf des Psychologischen Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) mit einheitlich vorgegebenen Inhalten ist unbedingt zu begrüßen. Gleiche Forderungen haben die KJPP-Verbände schon seit einigen Jahren für die Zugangsvoraussetzungen für KJP veröffentlicht. Auch für das zukünftige Hochschulschulstudium der Psychotherapie muss unbedingt ein Masterabschluss angestrebt werden, wenn Psychotherapeuten die Anforderungen eines selbstständigen Heilberufs erfüllen sollen. Das Studium muss die Qualifikation zu wissenschaftlichem Arbeiten vermitteln, interdisziplinäres Denken lehren und die Grundkenntnisse für alle wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren und grundlegenden Psychotherapierichtungen vermitteln. Diese Kenntnisse sind auch bereits im Hochschulstudium bezogen auf die verschiedenen Altersgruppen zu vermitteln, insbesondere für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit methodenintegrativen Behandlungsverfahren in multiprofessioneller Vorgehensweise und flexiblen Settings.

b. Inhalte des Studiums

Sowohl im Entwurf für das Berufsbild des Psychotherapeuten (Anlage 2), als auch im Kompetenzprofil (Anlage 3) werden vorläufige Inhalte für das Hochschulstudium formuliert.
Daraus werden die aus ärztlicher Sicht relevant erscheinenden Inhalte hier zitiert, die Originaltexte sind in der Anlage nachzulesen:

Bezogen auf somatische Kompetenzen sind bisher im Berufsbild formuliert:

- Kennen die psychischen, sozialen und somatischen Faktoren bei psychischen Erkrankungen (biopsychosoziales Verständnis) und behandeln Patientinnen und Patienten in ambulanten, teilstationären und stationären, sowie anderen institutionellen Versorgungsbereichen und –settings.

- Erkennen psychische Faktoren bei somatischen Erkrankungen, unterstützen bei der Bewältigung chronischer Erkrankungen und nehmen an der Versorgung somatisch kranker Menschen teil,“

Bezogen auf Leitungskompetenzen ist im Berufsbild formuliert:

- „übernehmen die Leitung und das Management von Gesundheits- und Versorgungseinrichtungen,

- stellen ihre Kompetenz als Sachverständige zur Verfügung“

In verschiedenen Unterpunkten ist zum Berufsbild weiter formuliert:

- Ansprechpartner in allen Belangen der psychischen Gesundheit

- Treffen „verantwortliche Entscheidungen zur Feststellung psychischer Erkrankungen, zur Behandlungsindikation und zur Gestaltung von Informations-, Beratungs- und Behandlungsprozessen

- in „multiprofessioneller Zusammenarbeit“, „multiprofessionellen Teams“, „Vernetzung“

- erforschen die „wechselseitige Bedingtheit psychischer und somatischer Störungen“

Der Entwurf der AG des Länderrates und des BPTK-Vorstandes in der Fassung vom 6.5.14 zu den „Kompetenzen im Psychotherapeutenberuf in Studium und Aus-/Weiterbildung“ gliedert sich in drei verschiedene Bereiche, aus denen einige aus ärztlicher Sicht relevant erscheinende Kompetenzen herausgegriffen werden:

1. Faktenwissen: deskriptives Wissen

(Fakten, Tatsachen) nennen und beschrieben

1.1 Kenntnisse über psychische Funktionen, Prozesse und Strukturen, sowie deren biologische und soziale Grundlagen………..und Neurowissenschaften

1.3 Kenntnisse psychischer und psychosomatischer Störungen ……unter Berücksichtigung…und biologischen Wissens. Hierbei sind relevante Erkenntnisse aus ….Psychiatrie, Psychosomatik und Neurowissenschaften zu berücksichtigen

1.3.1 Kenntnisse der wichtigsten mit psychischen Erkrankungen komorbiden Krankheitsbilder des Kindes- und Jugendalters einschließlich der frühen Kindheit, des Erwachsenenalters einschließlich des hohen Alters

1.4 Kenntnisse der wichtigsten diagnostischen Systeme…..

1.5 …..Kenntnisse umfassen alle Krankheitsbilder des Kindes- und Jugendalters einschließlich der frühen Kindheit……..

1.5.1 Kenntnisse anderer wissenschaftlich begründeter Behandlungsansätze bei diesen Erkrankungen, z.B. Psychopharmakologie, Psychoedukation

2. Handlungs- und Begründungswissen

Sachverhalte (Zusammenhänge) erklären und in den klinisch-wissenschaftlichen Kontext einordnen

2.1 Kenntnisse in der Anwendung diagnostischer Methoden bei der Feststellung psychischer Erkrankungen und psychischer Faktoren bei körperlichen Erkrankungen, sowie zur Messung der Symptomatik, unter Einbezug der zentralen Krankheitsbilder des Kindes- und Jugendalters einschließlich der frühen Kindheit…

3. Handlungskompetenz und professionelle Haltung

Bei Abschluss des Studiums: unter Anleitung selbst durchführen und demonstrieren

...

3.2 Fähigkeiten und Fertigkeiten….unter Berücksichtigung der körperlichen und psychischen  Entwicklung … zu analysieren, zu diagnostizieren, zu begutachten und Indikationen zu stellen

KOMMENTAR

Betrachtet man die Inhalte des vorläufigen Berufsbildes zukünftiger Psychotherapeuten, so soll der freie akademische Heilberuf zur „Förderung der Gesundheit, der Prävention, der Behandlung von Krankheit und der Linderung von Leiden“ verpflichten. Psychotherapeuten erbringen ihre Leistungen „persönlich, eigenverantwortlich und fachlich unabhängig“. Deutlich wird die Intention den Beruf des Psychotherapeuten aus einer spezialisierten Versorgung in wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren  – am deutlichsten in der ambulanten Richtlinien-Psychotherapie – in die allgemeine Versorgung psychisch Kranker mit zukunftsfähigen Versorgungsstrukturen zu führen. Das bedeutet einerseits eine möglicherweise für psychotherapeutisch tätige Ärzte bedrohliche Ausweitung der Kompetenzen zukünftiger Psychotherapeuten, ist aber andererseits auch als Votum zur Übernahme von mehr Versorgungsverantwortung in den unterschiedlichen Versorgungsbereichen zu lesen. Vor allem im stationären und institutionellen Rahmen scheint eine deutliche Kompetenzerweiterung angestrebt zu werden. Damit verknüpft scheint auch der Wunsch zu sein aus einem bisher im ambulanten Bereich erreichten „Facharztstandard“ zum „Facharztstatus“ zu kommen, d.h. selbstständig verantwortlich Einrichtungen, PIAs u. ä. zu leiten.
Dieses Thema muss auf Ärzteseite berufsübergreifend intensiv diskutiert werden. In der Konsequenz ist auch zu fragen, ob Psychotherapeuten dann werden Ärzte anstellen können, was bisher (im vertragsärztlichen Versorgungsbereich) nicht möglich ist.
Das bisherige Berufsbild und Kompetenzprofil beschränkt sich im Wesentlichen auf Kenntnisse von somatischen Erkrankungen und psychischen Folgeerkrankungen und enthält relativ wenige somatisch/klinische Inhalte. Allerdings wird wachsam beobachtet werden müssen, ob diese  Vorlagen so bleiben, da aus den Verbänden ambulant tätiger PP und KJP deutlich andere Tendenzen zu hören sind. Aus ärztlicher Sicht könnte die derzeitige Vorlage durchaus begrüßt werden, da eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung für den Beruf „Psychotherapeut“ zu allen Berufen als „Arzt und Psychotherapeut“ (ärztliche Psychotherapeuten, Psychosomatiker, Psychiater und Kinder- und Jugendpsychiater, sowie Ärzte mit fachgebundener Psychotherapieausbildung) gesehen werden kann.
Für die Psychotherapie der psychotherapeutisch tätigen Ärzte wäre dann die spezifische medizinische Herangehensweise an die Psychotherapie vorbehalten, mit z.B. der Systematik des medizinischen Denkens, Stringenz in Diagnostik und Indikationsstellung, mit der Kompetenz für den Umgang mit schweren Erkrankungen und Tod, mit der Fähigkeit körperliche Belastungen einzuschätzen und ihre Auswirkungen auf die Psyche zu beurteilen, sowie interdisziplinär zu denken und in Kooperationen zu arbeiten. Diese Besonderheiten der Psychotherapie des Arztes wurden 2014 im Symposium der Bundesärztekammer von verschiedenen Referenten auf der Grundlage der Forschungsergebnisse dreier Arbeitsgruppen differenziert erarbeitet und sollen demnächst veröffentlicht werden.
Für die zukünftigen Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche wird sich die gravierendste Änderung in ihrem Berufsbild ergeben. Sie werden die Zugangsmöglichkeit über ein Studium der Pädagogik und Sozialpädagogik verlieren und in Zukunft direkt Psychotherapie studieren müssen. Dabei muss beobachtet werden, wie intensiv Inhalte der Pädagogik und Sozialpädagogik und die spezifischen Entwicklungsparameter von Kindern und Jugendlichen in dem künftigen Direktstudium vermittelt werden. Die Entwicklung des Direktstudiums wurde von maßgeblichen Verbänden der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten explizit gefordert, da neben der Klärung der Zugangsvoraussetzungen nach einem Psychotherapiestudium berufsrechtlich auch für spätere Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche die Behandlung von Erwachsenen möglich sein wird, was jetzt nicht der Fall ist. Insofern wird eine wesentliche Aufwertung mit diesem Hochschulabschluss von den Verbänden gesehen. Es gibt aber auch Stimmen, die einen Niedergang der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie kommen sehen, da sich zukünftige Psychotherapeuten möglicherweise wesentlich weniger für eine Spezialisierung für Kinder und Jugendliche in der Weiterbildung entscheiden könnten. Auch die kinder- und jugendpsychiatrischen Verbände haben sich bereits in diesem Sinne geäußert. Die zukünftige Entwicklung kann bisher schwer abgeschätzt werden.

Kinder und Jugendliche müssen auf jeden Fall auch künftig von „Kinderspezialisten“ behandelt werden, die besondere Kenntnisse und spezielle Kompetenzen im Umgang mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen erlernt haben.

IV. Approbation

Am Ende des Hochschulstudiums ist ein Masterabschluss (vielleicht auch ein Staatsexamen?) vorgesehen. Danach soll die Approbation erteilt werden. Dazu wird in naher Zukunft vom Gesetzgeber eine Approbationsordnung erarbeitet werden. Damit soll allen Absolventen des Hochschulstudiums der „Psychotherapie“ die berufsrechtliche Befugnis erteilt werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene als „Psychotherapeuten“ zu behandeln. Diese Approbation soll dann zur Weiterbildung an Weiterbildungsstätten berechtigen. Erst nach der Qualifizierung für entweder Kinder und Jugendliche oder Erwachsene und in einem der sozialrechtlich durch den G-BA (Gemeinsamen Bundesausschuss) zugelassenen Verfahren kann eine eigenständige Behandlung gesetzlich krankenversicherter Patienten im ambulanten und stationären Bereich erfol-gen. Die Analogien zum Medizinstudium sind deutlich.

KOMMENTAR

Völlig offen bleibt bei Betrachtung des Berufsbildes und des vorläufigen Kompetenzprofils wie eine klinische Erfahrung mit Patienten im Direktstudium vermittelt werden soll. Wenn eine Analogie zum Medizinstudium intendiert ist, was mit der Approbation nach dem Hochschulstudium bekräftigt wird, so muss gesehen werden, dass Mediziner sehr viele Praktika und Erfahrungen am Krankenbett im Rahmen des Studiums vermittelt bekommen, sodass eine heilkundliche Tätigkeit nach der Approbation berufsrechtlich vertreten werden kann. Es ist völlig offen, welche praktischen Kompetenzen eine Approbation und anschließende selbstständige heilkundliche Tätigkeit eines Psychotherapeuten rechtfertigen sollen und wie diese vermittelt werden sollen. Auch ist unklar, wie zukünftige approbierte Psychotherapeuten die verschiedenen  Strukturen der Versorgung (Klinik, Praxis, Institutionen) kennenlernen können, in denen sie anschließend arbeiten sollen. Das wird nur durch enge Kooperation der universitären Fachbereiche und Einbindung psychotherapeutisch tätiger Institutionen (Kliniken, PIAs) denkbar sein und muss frühzeitig bei der Konzeption des Direktstudiums mitbedacht werden. Insofern ist von vornherein eine Einbindung der Vertreter aller psychotherapeutischen Institutionen an Universitäten und Hochschulen für die Konzeptionalisierung der Inhalte und praktischen Erfahrungen der zukünftigen Psychotherapeuten im Hochschulstudium zu fordern, für die Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen insbesondere eine Einbindung der Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie!.
Offen ist bisher, ob es auch einen Bachelorabschluss geben soll, im Sinne einer Zwischenprüfung oder des Physikums der Mediziner, nach dem evtl. ein Überstieg in ein anderes Studium, z.B, Medizinstudium, oder umgekehrt nach Physikum der Mediziner ein Wechsel in ein Psychotherapiestudium denkbar wäre. Solche Überlegungen könnten auch zu neuen Konzeptionen der Psychotherapieausbildung von Medizinern führen.

V. Zweite Qualifizierungsphase:  Weiterbildung zum Psychotherapeuten für Erwachsenen oder Kinder und Jugendliche

Hochschulstudium (Phase I) und zweite Qualifizierungsmaßnahme in der fachgebundenen Weiterbildung (Phase II) sollen aufeinander bezogen werden. Die Gestaltung und Ordnung der Weiterbildung liegt in der Hand der Kammern. In der Weiterbildung  sollen „Vertiefungen“ in wissenschaftlichen Psychotherapieverfahren und –methoden  erfolgen und die Schwerpunkte mit vertiefter Qualifizierung für die psychotherapeutische Behandlung von Kindern und Jugendlichen bzw. Erwachsenen erfolgen. Dabei sollen die Psychotherapeuten für die verbesserte und differenzierte psychotherapeutische Versorgung aller Patientengruppen im ambulanten, teilstationären, stationären Bereich und in komplementären Institutionen ausgebildet werden.
Die Weiterbildung soll über die gesamte Weiterbildungszeit von Weiterbildungsstätten koordiniert und organisiert werden – einschließlich der Theorieanteile, Supervision und Lehrtherapien. Die bisherigen staatlichen Ausbildungsstätten können zu Weiterbildungsstätten übergeleitet werden, wenn sie die Anforderungen der Weiterbildungsordnungen erfüllen. Es sollen ausrei-chend Plätze für die Weiterbildung zur Sicherung eines hinreichenden psychotherapeutischen Nachwuchses sichergestellt werden. Auch sollen dazu angemessene finanzielle Rahmenbedingungen geschaffen werden. Bei Einführung des Gesetzes  müssen angemessene Übergangsfristen für alle gefunden werden, die sich bereits in Ausbildung befinden.

KOMMENTAR

Klinische Arbeit mit schweren psychischen Erkrankungen ist in der Weiterbildung der Psychotherapeuten und speziell für Kinder und Jugendliche unbedingt weiterhin für ein Jahr zu fordern. Um die bisherigen Schwierigkeiten für PIPler  in der sog. praktischen Tätigkeit an psychiatrischen und anderen Einrichtungen zu lösen ist eine praktische Tätigkeit nur im Rahmen der Weiterbildung sinnvoll. Im Gegensatz zur jetzigen Situation sind die Psychotherapeuten in Weiterbildung dann approbiert und können heilkundlich tätig sein, also im Rahmen der praktischen Tätigkeit auch in Kliniken und Praxen selbstständig tätig werden. Dazu muss aber gefordert werden, dass die fachliche Leitung der praktischen Tätigkeit unbedingt – anders als jetzt in der Ausbildung der PIPler -  bei den verantwortlichen leitenden Ärzten der Einrichtungen liegt. Diese wichtige Ausbildungsaufgabe für Kliniken und Praxen muss frühzeitig bei der Konzeption der Weiterbildung der Psychotherapeuten durch Einbindung von Ärzten in die Diskussionen um die Konzeption der Weiterbildungen geplant werden.
Bezogen auf die Weiterbildung von Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche müssen die Inhalte interdisziplinär und unter Einbezug entwicklungspsychologischer, pädagogischer und medizinisch-pflegerischer Inhalte gestaltet werden. Außerdem sind die notwendigen Inhalte für die Arbeit mit Bezugspersonen zu vermitteln.

Download:

Positionspapier von BAG KJPP, BKJPP und DGKJP erarbeitet durch die Gemeinsame Kommission Psychotherapie

Anlage 1: Beschluss 25 Deutscher Psychotherapeutentag zur Psychotherapieausbildung

Anlage 2: Berufsbild

Anlage 3: Kompetenzprofil