13|10|2026

S3-Leitlinie zu Störungen des Sozialverhaltens umfassend aktualisiert

Die aktualisierte Leitlinie gibt auf Grundlage der verfügbaren Evidenz und des interdisziplinär erarbeiteten Konsenses Orientierung für die Versorgung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Störungen des Sozialverhaltens. Gleichzeitig schafft sie eine gemeinsame Grundlage für die Zusammenarbeit der relevantesten Versorgungssysteme. Dabei hilft sie, vorhandene Unterstützungsangebote sinnvoll miteinander zu verbinden und eine gemeinsame Sprache für die Unterstützung der jungen Menschen und ihrer Familien zu finden.

Unter dem Begriff Störungen des Sozialverhaltens wird ein breites Spektrum von Verhaltensauffälligkeiten zusammengefasst. Dazu gehören ausgeprägtes oppositionelles Verhalten, aggressive Verhaltensweisen sowie regelverletzende Verhaltensweisen, wie dissoziales oder delinquentes Verhalten. Störungen des Sozialverhaltens gehören zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter und sind häufig Anlass für Vorstellungen im Gesundheitssystem. Die mit diesen psychischen Störungen verbundenen Verhaltensprobleme können das Familienleben, die schulische Entwicklung und soziale Beziehungen erheblich beeinträchtigen und mit einem erhöhten Risiko für weitere psychische Störungen, Schulabbrüche oder delinquentes Verhalten einhergehen. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Störungen des Sozialverhaltens und ihre Familien benötigen daher häufig Unterstützung aus verschiedenen Bereichen. Neben dem Gesundheitswesen spielen insbesondere das Bildungssystem, die Kinder- und Jugendhilfe und das Justizsystem eine wichtige Rolle in der Versorgung der jungen Menschen.

Die bisherige S3-Leitlinie, deren Gültigkeit 2021 abgelaufen ist, wurde unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP) aktualisiert und weiterentwickelt. Zahlreiche Expert:innen aus relevanten Fachdisziplinen brachten ihre Perspektiven ein. An der Konsensbildung waren Vertreter:innen von 22 Fachverbänden und Organisationen beteiligt.

Die S3-Leitlinie zu Störungen des Sozialverhaltens wurde umfassend aktualisiert, überarbeitet und inhaltlich weiterentwickelt: 44 % der Empfehlungen wurden modifiziert, 42 % neu aufgenommen. Basierend auf der systematischen Sichtung von über 37.000 wissenschaftlichen Publikationen sowie moderierten Abstimmungen mit den Vertretenden der beteiligten Fachverbände und Organisationen gibt die aktualisierte S3-Leitlinie evidenz- sowie konsensbasierte Empfehlungen zu förderlichen Rahmenbedingungen der Versorgung sowie zur Identifikation, Diagnostik und Behandlung von jungen Menschen mit Störungen des Sozialverhaltens. Sie berücksichtigt zudem Möglichkeiten der Prävention und legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit verschiedener, relevanter Versorgungssysteme. Besonders hervorzuheben ist ein neu geschaffenes Kapitel zur Kooperation des Gesundheitssystems mit der Kinder- und Jugendhilfe, dem Bildungssystem und dem Justizsystem. Es umfasst 36 Empfehlungen zur praktischen Zusammenarbeit der beteiligten Fachkräfte. Auch die bisherigen Empfehlungen zu Maßnahmen und Interventionen in Bildungseinrichtungen wurden erweitert. Unter anderem wird nun ein mehrstufiger Präventionsansatz vorgestellt, der universelle, selektive und indizierte Maßnahmen zur Förderung der sozial-emotionalen und Problemlösekompetenz miteinander verbindet. Im Rahmen der Behandlung im Gesundheitssystem stehen insbesondere psychosoziale Behandlungsmöglichkeiten im Vordergrund. Dabei sollte die multimodale Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsen auch zentrale Bezugspersonen, wie Eltern und pädagogische Fachkräfte, einbeziehen. Im Einzelfall kann es ergänzend sinnvoll sein, Medikamente einzusetzen.

Mit dem Ziel, einerseits die Versorgung der jungen Menschen zu verbessern und andererseits eine informierte Entscheidung der jungen Menschen und ihrer Bezugspersonen zu ermöglichen, wurden zudem zielgruppengerechte Informationen für Kinder ab sechs Jahren, Jugendliche ab zwölf Jahren und junge Erwachsene sowie für Eltern und andere primäre Bezugspersonen und Fachkräfte aus Bildung, Kinder- und Jugendhilfe und Justiz geschaffen. Die Informationsbroschüren sollen helfen, grundlegende Informationen über Störungen des Sozialverhaltens, das diagnostische Vorgehen und mögliche Unterstützungsangebote alltagstauglich und verständlich zu vermitteln.

Die Aktualisierung wurde durch ein vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) finanziertes Forschungsprojekt ermöglicht. Geleitet wurde das Projekt von Prof. Dr. Anja Görtz-Dorten, Prof. a.D. Dr. Manfred Döpfner und Dr. Lea Teresa Kohl vom Centrum für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der Uniklinik Köln (CEKIP) sowie Prof. Dr. Michael Kölch (Universität Rostock), Präsident der federführenden Fachgesellschaft.

 

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