Wie kann eine Steuerung in der Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher aus Sicht der KJPP gelingen?
Die Gesundheitssystem steht vor großen Herausforderungen, einerseits wegen der steigenden Ausgaben in dem Bereich mit entsprechender finanzieller Schieflage und andererseits infolge der demografischen Entwicklung mit Zunahme der Morbidität im Alter und dem Fachkräftemangel, der in vielen Bereichen jetzt schon deutlich wird.
Eine sinnvolle Patientensteuerung ist aus unserer Sicht unverzichtbar. Psychische Erkrankungen sind die zweithäufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen im Kindes- und Jugendalter (Destatis, 2024). Eine Analyse der bundesweiten Krankenhausbehandlungsdaten ergab zudem einen sehr hohen Anteil an Notfallbehandlungen (Kölch M et al., DÄB 2023). Bereits jetzt gibt es verschiedene Steuerungselemente, die mehr oder weniger erfolgreich sind. Schwierig bleibt dabei nicht nur die Steuerung in das System, sondern vielmehr die Steuerung zur Entlastung innerhalb des Systems, bspw. die Vermeidung von Doppelbehandlungen und Fehlsteuerung. Eine ausführliche Darstellung dazu erscheint Anfang 2026 in der ZKJPP, vorab online. Gerade bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen ist es mitnichten so, dass generell eine psychotherapeutische Behandlung indiziert ist: oft bedarf es eher der Beratung oder auch Maßnahmen außerhalb des SGB V.
Eine zukunftsfähige Patientensteuerung muss aufbauen auf Digitalisierung, z.B. in Form von Telekonsilen, berufsgruppenübergreifenden Teams, Koordination der Behandlung und Prävention. Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie haben in diesen Bereichen einen großen Erfahrungsvorsprung. Wir arbeiten bereits jetzt in interdisziplinären, multiprofessionellen Teams zusammen im stationären sowie im ambulanten Bereich, es gibt Erfahrungen in den PIAs und in den Praxen nach Sozialpsychiatrie-Vereinbarung (SPV). Beispielhaft für eine intersektorale Zusammenarbeit gibt es seit kurzem die KJ-KSVPsych-RL für die Versorgung schwer psychisch kranker Kinder und Jugendlicher. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie ist Familien- und Sozialmedizin im besten Sinn.
Wir fordern innovative Ansätze in der geplanten Primärarztversorgung unter Nutzung digitaler Techniken und alternativer Abrechnungsmöglichkeiten mit Öffnung starrer Sektorengrenzen. Eine Festlegung auf ein Primärarztsystem, welches lediglich eine
Steuerung für Kinder und Jugendliche durch den Facharzt/ die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in die weitere Facharztversorgung vorsieht, verkennt die grundsätzliche Problematik, nämlich dass es neben der Unterversorgung in manchen Gebieten ebenfalls eine Überversorgung durch Fehlsteuerung und Fehlanreize gibt. Zudem besteht bereits jetzt ein „zunehmender Mangel an Kinder- und Jugendärzt*innen“, darauf weist der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt:innen (BVKJ) in einer Pressemitteilung vom 18.11.2025 hin.
Eine Patientensteuerung der Zukunft für psychisch kranke Kinder und Jugendliche muss dabei auch die Integration des ÖGD, der schulpsychologischen Dienste, der Jugendämter und Träger der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe im Blick behalten. Es gilt, die bereits vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen, insofern ist Steuerung aus unserer Sicht unabdingbar. Steuernd wirken werden auch die geplanten Integrierten Notfallzentren, die bei der Entwicklung eines Primärarztsystems bezüglich ihrer Rolle im Gesundheitssystem mitgedacht werden müssen, um nicht neue Strukturen zu schaffen, die zu einer dann andersartigen Fehlsteuerung führen.
Berlin / Mainz / Schleswig, 27. November 2025
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie – DGKJP
Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland – BKJPP
Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärztinnen und -ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie – BAG KJPP